Da man sich ja oft (zu) schnell ein Urteil bildet, landete Alexander Hoffmanns „Der Wolkenschieber“ bei mir direkt mal in Kategorie 1: Schließlich blickt Roman-Hauptfigur Thomas allein in den ersten vier Sätzen des Buches auf den Rhein, der träge grau-grün nach Kaiserswerth fließt, da ist vom Penthouse in Oberkassel die Rede, von der Altstadt mit Lambertuskirche, dem Schlossturm, dem mächtigen Stadttor mit der Staatskanzlei, von der Promenade und der Medienmeile. Wohl gemerkt: in vier Sätzen. Doch dann reduziert Hoffmann, der sein Abitur in der Landeshauptstadt ablegte, heute aber in Frankfurt/Main sowie Wissembourg (Frankreich) lebt, von Satz zu Satz die regionalen Elemente, dann ist zwar noch mal von der „Urmutter der deutschen Malls“, der Kö-Galerie oder dem edlen La Terrazza die Rede – aber längst hat der Leser den Eindruck, diese Geschichte könnte auch im Osten, Norden oder Süden der Republik spielen. Das Buch beginnt, als der Erfolg von Thomas endet - dem Werbefachmann, der sich bislang unter dem Motto „Das Leben ist zu kurz für schlechte Anzüge“ in der Schickimicki-Szene Düsseldorfs getummelt, Lachsschnittchen mit Sanitär-Großhändler Luchsinger gegessen, mit Friedbert, dem Kugelblitz, gegolft und sich ansonsten in A-Knäulen bei Empfängen aufgehalten hatte. Über ewige Verlierer wie Ehrenstein hatte er sich amüsiert, als das Geld noch reichlich floss. Doch nun steht plötzlich der Gerichtsvollzieher vor der Tür, der letzte Texter musste entlassen werden – und die bessere Hälfte Laura träumt von einer Fernreise auf einem Luxussegler. Autor Alexander Hoffmann schafft es immer wieder, Stimmungen, Launen, Ängste und Hoffnungen so in Worte zu fassen, dass sich der Leser hineinversetzen kann und mitfühlt, wenn Thomas seinen geliebten Porsche gegen einen Miet-Lupo eintauschen muss – und er Laura beichten muss, dass es mit der Villa in Meerbusch wohl nichts wird, sondern höchstens noch eine Einzimmer-Wohnung drin ist. Hoffmann beschreibt authentisch, wie sein (Anti-) Held selbst immer noch auf die Wende hofft, auch wenn objektiv längst klar ist, dass er alles Wertvolle, bis auf seine Göttin Laura („Das ist schon recht mühsam, arm zu sein…“), verloren hat, wie er weiter versucht, den erfolgreichen Businessmann zu mimen und sich schließlich in Alkohol und Drogen flüchtet… und so auch noch seine geliebte Laura verliert. Ob sie ihm noch eine Chance gibt, welche Freunde sich als wahre Freunde entpuppen, was die resolute Haushälterin für eine Rolle spielt und ob es dank der "Roten Laura" doch noch zum Happy End kommt, erfährt nur derjenige, der das Buch für 10 Euro käuflich erwirbt. Die Investition lohnt sich, denn "Der Wolkenschieber" ist ein Buch, das vor Sprachwitz funkelt, immer wieder neu überrascht, mal amüsant, mal melancholisch ist – und die Mentalität der unterschiedlichen Teilnehmer am Wirtschaftsleben außerordentlich plastisch darstellt.
Von Philipp Oeller
ISBN 978-3-7700-1222-0 (Droste)
180 Seiten, Flexocover
10 Euro